Text und Fotos: Marianne Kapfer
Beim Betreten der Giardini, dem traditionellen Festivalgelände der 60. Biennale von Venedig 2024, leuchtet von Weitem der zentrale Pavillon. Die auffällige, buntbemalte Fassade stammt von dem indigenen Künstlerkollektiv MAHKU (Movimento dos Artistas Huni Kuin) – gegründet im brasilianischen Amazonasgebiet – überzog die gesamte Front des Pavillons mit einem großformatigen Wandbild. Die Arbeit basiert auf einer mythologischen Erzählung der Huni Kuin: der Geschichte der „Kapewë Pukeni“, einer Alligator-Brücke, die symbolisch für Übergänge zwischen Welten und Kulturen steht. Diese visuelle Geste ist kein bloßes Ornament. Sie fungiert als Schwelle – als Einladung, die Biennale nicht aus einer vertrauten, westlich geprägten Perspektive zu betreten, sondern sich auf andere Wissenssysteme und Erzählformen einzulassen.
Kuratorische Setzung im Zentrum der Ausstellung
Die Entscheidung des Kurators Adriano Pedrosa, die zentrale Architektur der Biennale mit einem Werk eines indigenen Kollektivs zu bespielen, ist programmatisch und richtungsweisend.
Sie macht marginalisierte Perspektiven sichtbar – und zwar nicht am Rand, sondern im Zentrum der Ausstellung. Gleichzeitig verschiebt sie den Fokus weg von einem eurozentrischen Kunstverständnis hin zu einer multipolaren Sicht auf Gegenwartskunst.
Das Leitmotiv „Stranieri Ovunque – Foreigners Everywhere“ wird hier unmittelbar erfahrbar: Fremdheit erscheint nicht als Ausnahmezustand, sondern als grundlegende Bedingung unserer globalisierten Welt.

Gegen den Kanon
Was diese Biennale besonders macht, ist nicht nur, wer gezeigt wird, sondern auch, wer nicht. Viele etablierte Namen des westlichen Kunstbetriebs fehlen – zugunsten einer Auswahl, die sich dem klassischen Kanon entzieht.
Diese Entscheidung ist politisch. Sie stellt die Frage, wie Kunstgeschichte geschrieben wird und wer darin sichtbar ist. Indem Pedrosa alternative Genealogien aufzeigt, entsteht eine Art Gegenarchiv: eine Biennale, die weniger repräsentiert als vielmehr neu ordnet.
Eine Biennale der anderen Stimmen
Diese kuratorische Haltung setzt sich konsequent in der gesamten Ausstellung fort. Pedrosa versammelt eine Vielzahl von Künstler*innen aus dem Globalen Süden, aus Diaspora-Kontexten sowie aus marginalisierten oder bislang unterrepräsentierten Positionen.
Auffällig ist dabei die bewusste Einbindung von autodidaktischen Künstler*innen und sogenannten „Outsider“-Positionen. Diese Werke stehen gleichberechtigt neben etablierten künstlerischen Praktiken und unterlaufen klassische Hierarchien des Kunstbetriebs.
Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die weniger durch einzelne „Highlights“ funktioniert als durch die Dichte und Vielfalt der Perspektiven. Viele Arbeiten erzählen von Migration, Identität, Spiritualität und Widerstand – oft aus sehr persönlichen, nicht selten existenziellen Blickwinkeln.
Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Künstlerin Giulia Andreani, die seit über zehn Jahren in Paris lebt. Ihr Werk kreist um historische Amnesie und die Konstruktion von Erinnerung. Ausgangspunkt sind häufig fotografische Archive, die sie nicht einfach reproduziert, sondern kritisch befragt.

Andreani arbeitet mit einer reduzierten, fast monochromen Farbpalette – oft in Graublau – und überführt historische Bildquellen in malerische Kompositionen, die zugleich vertraut und irritierend wirken. In ihren Arbeiten werden die vermeintlich stabilen Narrative offizieller Geschichte porös: Figuren treten aus dem Schatten hervor, Hierarchien verschieben sich, Leerstellen werden sichtbar.
Was bei ihr entsteht, beschreibt Geschichte als etwas, das nicht abgeschlossen ist, sondern ständig neu interpretiert und verhandelt wird.






Körper, Begehren und utopische Räume
Neben dieser Auseinandersetzung mit Geschichte öffnet die Biennale auch Räume für sinnliche, körperliche und utopische Erfahrungen. Die US-amerikanische Künstlerin Liz Collins bewegt sich zwischen Kunst und Design und schafft großformatige textile Arbeiten von intensiver Farbigkeit und physischer Präsenz.

Ihre Teppiche und Installationen entfalten eine vibrierende, fast energetische Wirkung. Regenbogenartige Farbströme brechen aus dunklen Landschaften hervor und erzeugen immersive Räume, die Collins selbst als Vision einer „queeren Utopie“ beschreibt – eine Welt, die greifbar erscheint und doch immer knapp außerhalb der Reichweite bleibt. Ihre Arbeiten sprechen den Körper direkt an, erzeugen haptische Erfahrungen und verbinden politische Anliegen mit sinnlicher Wahrnehmung.
Archive, Kolonialität und Gegenerzählungen

Ein weiterer zentraler Strang der Ausstellung ist die kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Strukturen und deren Fortwirken. Der Künstler Pablo Delano untersucht in seiner Installation The Museum of the Old Colony (2024) die Geschichte Puerto Ricos als kolonial geprägten Raum.
Ausgehend von Archiven entwickelt Delano eine konzeptuelle Installation, die koloniale Machtverhältnisse sichtbar macht und hinterfragt. Seine Arbeit zeigt, wie Geschichte nicht nur erinnert, sondern auch instrumentalisiert wird – und wie sich diese Dynamiken bis in die Gegenwart fortsetzen.
Sprache als politisches Material

Das Künstlerkollektiv Claire Fontaine greift das zentrale Motiv der Biennale direkt auf. Ihre Arbeit Foreigners Everywhere / Stranieri Ovunque besteht aus einer Serie von Neon-Schriftzügen in unterschiedlichen Sprachen.
Die scheinbar einfache Botschaft entfaltet in ihrer Wiederholung und Übersetzung eine vielschichtige Ambivalenz: Wer ist fremd – und für wen? Die Arbeit macht Sprache selbst zum politischen Material und verweist auf die universelle Erfahrung des Andersseins in einer globalisierten Welt.
Alternative Kunstgeschichten

Die Biennale öffnet zudem den Blick auf historische Positionen jenseits des westlichen Kanons. Der haitianische Künstler Sénèque Obin, der erst in seinen Fünfzigern zu malen begann, ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür.
Seine Arbeiten, etwa Marché Clugny (1966), zeigen Szenen des Alltagslebens in Haiti – Märkte, Feste, soziale Interaktionen – und verbinden präzise Kompositionen mit vielschichtigen narrativen Ebenen. Gleichzeitig unterlaufen sie Kategorien wie „naiv“ oder „primitiv“, die lange verwendet wurden, um solche Werke zu marginalisieren. Obins Praxis macht sichtbar, wie komplex und politisch aufgeladen diese vermeintlich einfachen Bilder sind.
Zwischen Überforderung und Erkenntnis
Die Biennale 2024 verlangt ihren Besucher*innen einiges ab. Die Vielzahl an Stimmen, Kontexten und ästhetischen Sprachen kann überwältigend wirken. Doch gerade diese Überforderung ist Teil des Konzepts.
Denn anstatt eine kohärente, leicht konsumierbare Erzählung zu bieten, eröffnet die Ausstellung ein Geflecht aus unterschiedlichen Realitäten. Sie fordert dazu auf, sich zu orientieren – immer wieder neu, immer wieder anders.
Eine Biennale der Vielstimmigkeit
Von der monumentalen Fassade des zentralen Pavillons bis zu den vielfältigen künstlerischen Positionen im Inneren entfaltet sich eine Ausstellung, die konsequent auf Vielstimmigkeit setzt.
Die Biennale 2024 ist ein Raum, in dem unterschiedliche Realitäten, Geschichten und künstlerische Positionen und Visualisierungen aufeinandertreffen. Gerade in dieser Gleichzeitigkeit – zwischen Archiv und Utopie, zwischen politischer Analyse und sinnlicher Erfahrung – liegt ihre besondere Stärke.
Wer sich auf diese Ausstellung einlässt, überschreitet nicht nur physische Räume, sondern auch mentale Grenzen. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Qualität dieser Biennale: dass sie den Blick verschiebt – nachhaltig und unumkehrbar.
Die Konsequenz dieser kuratorischen Haltung ist eine Ausstellung, die sich nicht immer leicht erschließt. Die Vielzahl an Stimmen, Medien und Kontexten kann überwältigend wirken. Gleichzeitig entsteht eine seltene Dichte an Perspektiven, die sich nicht auf eine zentrale Erzählung reduzieren lassen.
Die Fassade des zentralen Pavillons ist in diesem Sinne mehr als ein spektakulärer Auftakt. Sie ist ein Manifest für eine Kunst, die sich nicht länger an den Zentren des Westens ausrichtet, sondern ihre Kraft aus der Vielstimmigkeit globaler Erfahrungen schöpft.
Wer die Biennale 2024 betritt, überschreitet – ganz im Sinne der „Kapewë Pukeni“ – eine Brücke zwischen Welten. Und vielleicht ist genau das die größte Stärke dieser Ausstellung: dass sie nicht nur zeigt, sondern verändert, wie wir sehen. Gerade darin liegt ihre Stärke: sie ist kein Ort der schnellen Orientierung, sondern sie erzeugt Reibung, verlangt Zeit, Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, sich auf unbekannte visuelle Sprachen einzulassen.
Text und Fotos: Marianne Kapfer



